Bewunderung für Mut und Vision der Pioniere

Ausdauer, Freude, Leidenschaft und die stete Bereitschaft für Neues sind die Zutaten für das Erfolgsrezept für die seit sieben Dezennien währende Freundschaft zwischen Ettlingen und Epernay. Eine bewegt-bewegende Geschichte, die immer mit dem Herzen gelebt worden ist. Oder wie brachte es Epernays Bürgermeisterin Christine Mazy mit einem Zitat des Geheimrates Wolfgang von Goethe auf den Punkt „Den lieb' ich, der Unmögliches begehrt“. Und die Schiller-glöckchen der Schillerschule berührten mit ihrem Lied „Lass uns Freunde sein – reicht Euch die Hand für ein starkes Freund-schaftsband“ die Seelen und Herzen. Stehender Applaus war der Lohn für die Darbie-tungen der kleinen Sangeskünstlerinnen und -künstler von der Klasse 2 bis 4 unter der Leitung von Christine Rauscher. 

Die Flamme der Freundschaft gilt es an den Nachwuchs, an die nächste Generation weiterzureichen, damit dieses wertvolle Gut auch weiterhin für wärmendes Verständnis nicht nur zwischen Deutschen und Franzosen sorgt, sondern in ganz Europa. Das war auch das Credo aller Redner, nicht nur auf dem Festaktabend, auch schon auf dem Empfang am Freitagabend im Asamsaal, wo der Trickfilm der Jugendlichen aus Schulen von Epernay und Ettlingen gezeigt wurde. Mit klaren und eindeutigen Strichen hatten die Jugendlichen verstanden, die Freundschaft in Bilder einzufangen.
Einen reinigenden Freundschaftsdienst leistete der Bürgerverein Neuwiesenreben. Mit Eimer und Feudel ging es zur großen Capsule am Stadteingang, die einer intensiven Putzete unterzogen wurde, damit unsere französischen Gäste sich gleich am Stadteingang willkommen fühlen und sehen, dass wir hier in Ettlingen ihr Geschenk zum 65. Geburtstag der Partnerschaft auch gebührend in Ehren halten“, so die Intention des Bürgervereins.
 

Am nächsten Morgen wurden weitere Knoten in das Freundschaftsband geknüpft. Nach dem Start zu StadtRadeln oder la ville en selle, wie es in Frankreich heißt, traten Oberbürgermeister Johannes Arnold und Christine Mazy symbolträchtig auf einem Tandem in die Pedale. Anschließend ging es für die einen auf dem Radel weiter über Stock und Stein, angeführt von OB Arnold, durch Ettlingens Wälder, für die Wandervögel gab es eine Tour vom Horbach auf den Robberg, wo der Hobbywinzer Rolf Apell seinen Weinberg für einen Besucht mit Degustation öffnete. Die Champagnerwinzer Benoit Hennequin und Bertrand Robinet sparten nicht mit Lob für die Arbeit, die auf dem Berg geleistet werde. Die dritte Gruppe genoss eine kulinarische Führung von Museumsleiterin Daniela Maier, die die Gäste nicht nur aus Epernay, sondern auch aus Clevedon, Middelkerke und Löbau restlos begeisterte.

Und die Jugendgemeinderäte der beiden Städte, sie trafen sich zu einem Projekt, das später jeder nutzen kann. Sie bemalten im Jugendzentrum Specht 13 Stühle, eine Spende des Kinobetreibers Marcus Neumann. Sie sollen in der Stadt aufgestellt werden. Auch hier sprang der Funke über und jeder merkte schnell, wie wichtig es ist, diese wertvolle Freundschaft weiter mit Leben zu füllen. Und man lernt voneinander. Im Serenadenhof der Musikschule sorgte der Wasener Carneval Verein für den entsprechenden Kaloriennachschub.

Spätestens als die Historische Bürgerwehr vor dem Schloss Spalier stand, wusste jeder, jetzt beginnt der feierliche Part des Wochenendes. Fast alle Plätze im Schlosshof waren besetzt, viele waren gekommen, um „Flagge“ zu zeigen. Wie hat es doch Franck Leroy, langjähriger Bürgermeister Epernays und seit Anfang des Jahres Präsident der Region Grand-Est, in seiner Rede unterstrichen, um nichts auf der Welt hätte ich dieses Wochenende ausfallen lassen. Die Bedeutung und den Mut, nach dem Krieg sich die Hand zu reichen, betonte denn nicht nur Leroy. Auch der baden-württembergische Staatssekretär Florian Hassler, stellvertretend für Ministerpräsident Winfried Kratschmann betonte, „Sie haben echte Pionierarbeit geleistet.

„Unsere Vorgänger hatten den Mut und die Vision, dass nationale Grenzen keine Barrieren mehr sein sollten“, so Mazy, Sie erinnerte an die Pioniere Dr. Bran Französisch Lehrer in Ettlingen und Marcel Jans Deutschlehrer am Lycée Léon-bourgeois. Deren Idee auch bei Oger Menu und Hugo Rimmelspacher auf mehr als fruchtbaren Boden fiel. Alle Nachfolger waren sich der Bedeutung dieser außergewöhnlichen Verbindung bewusst und haben die Flamme stets weitergetragen. Weitergetragen und die Freundschaft gelebt haben zahlreichen Menschen aus der Stadt an der Marne und der Stadt an der Alb, allen voran Jean-Pierre Menu, ehemaliger Vizepräsident des Comitée de Jumalage. Er hat sich auch nicht nehmen lassen, mit seiner Tochter und Enkelin nach Ettlingen zu reisen.
So wie die Freundschaft von der Begegnung und gemeinsamen Projekten lebt, lebt Europa auch von gemeinsamen Projekten.
Angesichts des Krieges vor den Toren Europas, schlägt das europäische Gewissen in den Herzen des Epernayer und Ettlinger Gemeinderates in den Herzen von Arnold und Mazy, weshalb man auf gegenseitige Geschenke verzichtete. Stattdessen soll ein Hilfsprojekt in einer Stadt in der Ukraine unterstütz werden. Dazu unterzeichneten OB Arnold, Bürgermeisterin Mazy und Franck Leroy eine Solidaritätsvereinbarung, nachdem sie sich zusmamen mit florian Hassler in Goldene Buch der Stadt eingetragen hatten. Noch offen ist, welche Stadt unterstützt werden soll. Doch „die wichtigsten Waffen gegen Terror und Chaos ist unsere Einheit, unsere Solidarität eine Kraft gegen Unmenschlichkeit und Grausamkeit“, so Mazy.
 

Und OB Arnold hatte bereits zuvor deutliche gemacht, dass diese Freundschaft keine Zweckgemeinschaft gewesen sei, sondern eine Liebeshochzeit. Die Städtepartnerschaften sind die fundamentale Basis für unser Europa. Es ist zwar förderliche, wenn sich die Rathauschefs verstehen, doch die Menschen müssen sich begegnen. Umso mehr freue es ihn, dass die Jugend sich treffe, dass der Schüleraustausch eine Renaissance erlebe.

In der Talkrunde unterstrich Dieter Stöcklin, dass einerseits die Kirchen sich wieder mehr einbringen müssten und er appellierte als „Oldtimer“ an die Jugend, „engagiert Euch“. Jugendgemeinderätin Schubert unterstrich, wie „bereichernd der Aufenthalt bei einer Gastfamilie ist, das ist durch nichts zu ersetzen“. Und Reynald Antonelli merkte an, dass die Sprache nicht das Problem sei, es braucht Projekte, dass die Jugend Ja sagt zur Partnerstadt. Es ist essentiell, dass egal ob jung oder alt den Wert dieser Freundschaft erkennen, so Kulturamtsleiter Sebastien Horzinski.

Ehrungen
Doch ohne die vielen Menschen, die sich mit Herzblut in die Freundschaft einbringen, wäre sie nicht so vital und lebendig. Stellvertretend für die langjährigen Weggefährten der Städtepartnerschaft erhielten Ettlingerinnen und Ettlinger die Sibyllataler der Stadt. Den Ehrungsreigen eröffnete der OB mit Nicole Schumacher-Tschan und Ingrid Ehrle von den Naturfreunden, nicht zu vergessen der verstorbene Gunter Ehrle, ein wichtiger Motor.
Die gemeinsame Liebe zur Natur verbindet bis heute beide Organisationen. Sportlich ist das Engagement des Lauftreffs Ettlingen, der seit 1978 die Stafettenläufe organisiert, allen voran Ingeborg Dubac und ihr Nachfolger als Lauftreffchef Jürgen Frommhold. Gegenseitig nahm man an Laufveranstaltungen in Ettlingen und Epernay teil.
 
Gleich drei Männer tragen die ´Flamme´ der Freundschaft weiter Josef Jilg, Martin Knaus und Markus Fritsch von der Feuerwehr Ettlingen. Jährlich fahren zum St. Barbaratag nach Epernay und dank ihnen gibt es wieder einen Austausch der Jugendfeuerwehren.
Einen güldenen Sibyllataler erhielt der längste und größte Förderer der Städtepartnerschaft Dieter Stöcklin. 1967 übernahm er die Organisation des Schüleraustauschs von Professor Noé, er ist uns Ratgeber in Fragen der französischen Kultur und der politischen Verhältnisse. Er hat beim Sender Arte bei einer Produktion mitgewirkt. Herr Stöcklin ist ein Mann, der sich dem Europagedanken verschrieben hat. Auch von der Stadt Epernay überreicht ihm Bürgermeister Mazy die Ehrenmedaille für sein Engagement in der Partnerschaft.
 
Und dann folgte eine der höchsten städtischen Auszeichnungen der Stadt Ettlingen für eine Persönlichkeit, die sich seit Jahren für die Städtepartnerschaft engagiert. Franck Leroy. Über 20 Jahre war er Bürgermeister von Epernay, Anfang des Jahres wurde er zum Präsident des Regionalrates der Region Grand-Est gewählt. Arnold ist stolz, auf das, was wir in den letzten Jahren geschafft haben, eine solche Zusammenarbeit ist nicht selbstverständlich. Durch dein Handeln und Engagement hast du wesentlich dazu beigetragen, diese Partnerschaft lebendig zu halten. Einstimmig war das Votum des Gemeinderates für diese zweit höchste städtische Auszeichnung.
Für einen reibungslosen Sprachfluss im Schlosshof sorgte Dario Cordone. Die Moderation lag in den Händen des SWR-Journalisten Matthias Stauss.

Für französische Töne sorgte das Saxophonquartett der Musikschule Ettlingen Wladimir Kostic, Mia Magschok, Artemis Vasilehei und Linus Wenz, und die Französische Revolution auferstehen ließ der Schautanz Frankreich 1789 der TSG Ettlingen, die dafür stehenden Applaus erntete. Bei den Auszügen aus Carmen, der letztjährigen Festspielproduktion, sang so mancher Epernayer mit und verstärkte so den Bürgerchor.
Mit diesem Schwung ging es anschließend in die Schlossgartenhalle, wo bis in die tiefe Nacht hineingetanzt und gefeiert wurde Dank der BigBand der Musikschule und DJ Marc. Alle folgten der Aufforderung des OBs, „lasst uns 48 wilde Stunden miteinander verbringen, schlafen wird überbewertet.“

Bouleturnier
Doch am nächsten Morgen standen alle wieder auf der Matte und besuchten den ökumenischen Gottesdienst in der Martinskirche, um anschließend im Horbachpark die schweren silbernen ‚Obut‘-Kugeln (Wettkampfkugeln) zu werfen. Die Rede ist von Boule oder genauer: Pétanque.  Hier ist vielleicht eine kleine Erklärung angebracht: Boule, der Begriff heißt nichts anderes als Kugel, ist der Oberbegriff für alle aus Frankreich stammenden Kugelspiele. Pétanque wird mit Metallkugeln auf Kiesboden gespielt, besondere Bahnen braucht man dafür nicht. Wichtig: Pétanque wird aus einem Abwurfkreis heraus gespielt, nicht von einer Linie aus. Deshalb hat auch jeder Spieler ein kleines Stöckchen dabei, mit dem er absatzschonend den Kreis ziehen kann, so erklärten es die Mitglieder der Boule-Abteilung des TV Ettlingenweier, die das Turnier im Horbachpark ausrichteten. Doch auch aus anderen Stadtteilen waren Freizeit-Boule-Spieler gekommen, um entweder zuzuschauen, wie Hardy, oder aktiv mitzuwerfen, wie Edith aus Bruchhausen.

Zuletzt sei noch angemerkt, dass das Spiel sehr alt ist. Und entgegen einer Behauptung aus einem gerichtlichen Verbot des Spiels im Jahr 1629 stimmt es nicht, dass Boule „zu lasterhaften Ausschweifungen“ führt und „Ursache sonstiger Unverschämtheiten“ ist, das Gegenteil ließ sich am Sonntag im Horbachpark beim internationalen Turnier leicht beobachten.
Bürgermeisterin Christine Mazy, Regionalpräsident Franck Leroy und OB Johannes Arnold eröffneten die Spiele mit ersten Würfen nach der kleinen Zielkugel, dem Schweinchen oder Cochonnet. Dann durften die insgesamt 20 Mannschaften ran.  Schön zu erleben war, dass sich gemischte Mannschaften bildeten, auch ein englisches Team fand sich ein.
 

Schnell zeigte sich, wer Übung hat: „Wir spielen sogar bei Schnee!“, erzählte eine Spielerin aus Bruchhausen, während Martina aus Schluttenbach schilderte, dass sie in zahlreichen Frankreichurlauben Gefallen an dem Spiel gefunden habe. Mit Sohn und Schwiegersohn bildete sie eine Mannschaft. Spiel und Unterhaltung standen im Vordergrund, jeder gute Wurf wurde anerkannt. Außerdem gab es gute Ratschläge: “Ein Tipp: bringt euren besten Spieler am Anfang, das machts den anderen schwerer!“  Hardy aus Spessart und Kurt aus Schielberg, beides alte Hasen und Kenner der Regeln, halfen bei Zweifelsfällen gerne aus und erklärten die Fachbegriffe. „Ich bin eher Tireur als Pointeur“, so Hardy: während der Pointeur die Kugel legt, hat der Tireur die Aufgabe, die Kugel wegzuschießen. „Baiser fanny“, Fanny küssen beispielsweise bedeutet, eine Partie ohne Punktgewinn zu verlieren, 0:13 also.

Armin Birkner, Leiter der Boule-Abteilung des TV Ettlingenweier, nutzte wie alle anderen Gruppenleiter die Möglichkeit, neue Fans der Sportart zu gewinnen. „Es macht Spaß und man kann auch im gesetzteren Alter damit beginnen“, unterstrich eine Spielerin.   
Ziel des Spiels ist es, seine Kugeln näher an der Zielkugel zu platzieren als der Gegner.
Dabei zählt am Ende einer Aufnahme jede Kugel einen Punkt, die näher zur Zielkugel liegt als die beste des Gegners.
Gespielt wird bis 13 Punkte. Und das kann sich hinziehen, vor allem, wenn die Gegnerischen Mannschaften auf Augenhöhe agierten. Bürgermeister Dr. Moritz Heidecker und seine Mannen von der Stadt kämpften tapfer gegen eine gemischte deutsch-französische Mannschaft, vergeblich: „Die eine spielt richtig gut“, merkte Hardy anerkennend an, als Nicole aus Epernay wieder einmal den Punkt holte.

Am Ende lag dennoch eine deutsche Mannschaft vorne, Johannes Braasch und Klaus Krug aus Karlsruhe sowie Willi Schmidt aus Ettlingen wurden die Sieger, sie treffen sich wöchentlich einmal, um die Kugeln zu werfen. Auf Platz 2 landeten die „3 Klassiker“ und auf Platz 3 „Sportamt“.  Tim Mohr und Martina Lumpp, den beiden Organisatoren vom Kultur- und Sportamt, der Bouleabteilung des TV Ettlingenweier mit Armin Birkner, Richard Muschalik und Isa Gleixner, die am Computer den Überblick behielt, und dem Schachclub, der für Speis und Trank sorgte, galt denn auch der Dank von OB Arnold, vor allem aber allen, die es sich nicht nehmen ließen, auf der aufgeheizten Fläche hochmotiviert aufs Schweinchen zu zielen.