Gatschina

30 Jahre Städtepartnerschaft mit Gatschina und der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine

Der Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine macht uns tief betroffen. Er ist ein nicht tolerierbarer Verstoß gegen das Völkerrecht. Wir hoffen wie alle Menschen dort, dass wenige zu Schaden kommen und dieser furchtbare Krieg bald endet.
Städtepartnerschaften beabsichtigen genau das Gegenteil dessen, was aktuell geschieht: Durch die Freundschaft der Menschen aus unterschiedlichen Nationen soll der Frieden und das Verständnis füreinander gefördert und gefestigt werden. Obgleich die Städtepartnerschaftsurkunde zwischen Ettlingen und Gatschina durch die Amtsträger auf beiden Seiten unterzeichnet wurde, lebt unsere Partnerschaft durch die Begegnungen und Beziehungen zwischen den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt.
Dies zeigen die vielen persönlichen Kontakte und Freundschaften zwischen den Einwohnern sowie unzählige humanitäre Hilfsaktionen, die in den letzten 30 Jahren von ehrenamtlicher Seite aus angestoßen und umgesetzt wurden und bis heute andauern. Im Fokus sind dabei vor allem zahlreiche Familien mit behinderten Kindern in Gatschina, die durch den Verein "Die Polizei hilft" unterstützt werden. Für enge freundschaftliche Bande hat in den zurückliegenden Jahrzehnten die Deutsch-Russische Gesellschaft gesorgt und durch ihre Fahrten nach Gatschina manchen Ettlinger die Gastfreundschaft der russischen Bevölkerung erleben lassen. 

Diese freundschaftlichen Beziehungen zu der Bürgerschaft müssen gerade jetzt fortbestehen als Gegenpol zu Putins Indoktrination seines Volkes. Auf offizieller Ebene ist eine Pflege der Partnerschaft derzeit allerdings nicht denkbar, da es bei den russischen Amtsträgern unweigerlich eine extreme Nähe, Abhängigkeit und Verbundenheit zur dortigen Regierung gibt, die für uns völlig inakzeptabel ist und wir uns davon ganz deutlich distanzieren. Oberbürgermeister Johannes Arnold hat an die dortigen Ansprechpartner zwar appelliert, dass sie die Vorgehensweise Putins missbilligen mögen. Weil man darauf aber kaum hoffen kann, liegt dieser Teil der Städtepartnerschaft derzeit auf Eis und es ist auch nicht denkbar, diese wiederaufzunehmen, ohne grundlegende politische Veränderungen im Land. Die offiziellen Jubiläumsfeierlichkeiten, die für dieses Jahr anlässlich des 30jährigen Bestehens der Städtepartnerschaft geplant waren, werden daher ebenfalls nicht stattfinden.

Uns ist es jedoch ein Anliegen, dass gerade mit jenen Menschen, von denen wir wissen, dass sie der Regierung nicht nahestehen, weiterhin private Kontakte gepflegt werden können und so auch wahre Informationen über diesen schrecklichen Krieg die Menschen dort erreichen kann, so der OB. Denn ohne ein gut informiertes russisches Volk wird es nie gelingen den Verbrechen Putins ein Ende zu setzen. Die freundschaftlichen Beziehungen auf privater Ebene, die in den 30 Jahren der Städtepartnerschaft entstanden sind, sind gerade in diesen Zeiten für die Menschen, die die Machenschaften Putins kritisch hinterfragen, eine wichtige Stütze.

Städtepartnerschaft seit 1992

Die Zeichen standen auf Perestroika als sich nach Ende des Kalten Krieges in Ettlingen aus der Bürgerschaft heraus der Wunsch regte, eine Partnerschaft in Russland zu suchen. Damit wurde der Grundstein gelegt für die Partnerschaft mit der russischen Stadt Gatschina im Jahr 1992.

Die Stadt Gatschina liegt rund 40 Kilometer südlich von St. Petersburg, der zweitgrößten Stadt Russlands, entfernt. Die Stadt hat etwa 90.000 Einwohner. Das schöne Plätzchen hatte Katharina die Große im Jahre 1765 ihrem Günstling und Geliebten, Graf Grigorij Orlow, geschenkt, der daraufhin mit dem Bau des Park- und Schlossensembles im Stil des frühen russischen Klassizismus begann.

Für dieses sehenswerte Schloss mit angrenzendem Park ist Gatschina weit über die Grenzen bekannt. 

In Ettlingen zeugt der Gatschina-Park von der deutsch-russischen Städtepartnerschaft. Es gibt zahlreiche Begegnungen auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen. Jährlich finden Benefiz-Konzerte mit russischen Künstlern in Ettlingen statt. 

Weitere Informationen finden Sie hier: www.gatchina-meria.ru

Gebäude in Gatschina
Palast in Gatschina von oben
Palast in Gatschina
See mit Gebäude

Zeitstrahl der Städtepartnerschaft zwischen Gatschina und Ettlingen

1988

Am 11.11.1988 legt die SPD Fraktion einen Antrag für eine Städtepartnerschaft mit einer Stadt in der UDSSR vor. Von Beginn an wird deutlich vermittelt, dass es verschiedene Hürden für die Schließung einer entsprechenden Städtepartnerschaft geben wird, wie etwa die Unausgewogenheit der Städtepartnerschaft durch Sprachbarrieren, räumliche Entfernungen und finanzielle Mittel der jeweiligen Städte. Dennoch wurde entschieden eine entsprechende Partnerschaft anzustreben und damit begonnen, eine passende Partnerstadt zu suchen.

1989

Im Frühjahr des Jahres 1989 wurden weitere Kriterien für eine Städtepartnerschaft festgelegt, wie etwa eine ähnliche Struktur zu Ettlingen in Größe oder Einwohnerzahl. Hierzu wurden dann erste Kontaktversuche zu Städten aufgenommen, von denen sich Iwano-Frankowsk als erste zurückmeldete. Kurze Zeit später machte erneut die SPD Fraktion den Vorschlag die Stadt Gatschina, einer russischen Stadt in der Umgebung von Leningrad mit einer ähnlichen Infrastruktur zu Ettlingen, zu kontaktieren und als Partnerstadt in Betracht zu ziehen. Dies wurde mit Zustimmung aufgenommen und im Dezember desselben Jahres fanden die ersten Gespräche mit Gemeinderäten aus Gatschina statt. In diesen ist man von der Idee eine Städtepartnerschaft einzugehen begeistert und äußerte bereits Hoffnungen eine Vereinbarung zur Städtepartnerschaft im Folgejahr zu unterzeichnen.

Am 28. Januar gründet sich die "Deutsch-Sowjetische Gesellschaft Ettlingen". Zur konstituierenden Sitzung im Gasthaus "Sonne" sind etwa 70 Gründungsmitglieder anwesend. Ziel der Gesellschaft war und ist dabei die Förderung der Beziehung und die Verständigung zwischen den beiden Ländern, die Förderung des Gedankens der Völkerverständigung und die Herstellung unmittelbarer Verbindungen zwischen Vertretern und Institutionen des kulturellen und sportlichen Lebens.

1990

Im Februar 1990 fand dann der erste Besuch einer deutschen Delegation in Gatschina statt. Hierzu waren unter anderem Deutschlehrer eingeladen und als Gastgeschenke wurden russisch-orthodoxe Bibeln übergeben. Im Spätjahr erfolgt dann die schriftliche Zusage von Gatschina für eine Städtepartnerschaft mit Ettlingen.

Schloss Gatschina, Quelle: Stadtarchiv Ettlingen

Am 13. Juli des Jahres beschloss die damals unter dem Namen "Deutsch-Sowjetische Gesellschaft Ettlingen" gegründete Vereinigung ihren Namen in "Deutsch-Russische Gesellschaft Ettlingen e.V." zu ändern, um besser der neugegründeten Partnerschaft mit der russischen Partnerstadt Gatschina gerecht zu werden.

1991

Im Januar wurden die Eishockey-Allstars mit dem Team-Namen "Die Eissputniks" in Ettlingen empfangen. Der Besuch diente dazu den Eishockey-Sport zu mehr Beliebtheit zu verhelfen. Zusätzlich wurden die gesammelten Erlöse als Spenden für die Hungerhilfe in Gatschina verwendet, da die dortige Region stark unter den sogenannten "Hungerwintern" litt. Diese Hunterwinter waren Versorgungskrisen, die durch den Zusammenbruch der Sowjetunion und der darauffolgenden Auflösung der UdSSR ausgelöst wurden und für mehrere Jahre zu Versorgungsengpässen führten. Zum Ende des Winters 1991 werden deswegen auch Hilfstransporte mit Sach-, Nahrungs- und Geldspenden von Ettlingen entsendet.

Im Juni kommt eine Delegation aus Gatschina zu Besuch und erhält eine Stadtführung, besucht verschiedene Schulen und Kindergärten, sowie die Musikschule und nimmt an einem gemeinsamen Gottesdienstbesuch teil.

1992

Die offizielle Partnerschaftsunterzeichnung findet in Gatschina zum russischen Unabhängigkeitstag, dem 12. Juni 1992, statt. In dieser heißt es unter anderem: "Die Bevölkerung und die Verwaltung beider Städte verpflichten sich, zur Sicherung von Frieden und Freiheit und zu einer dauerhaften Verständigung beizutragen woraus eine echte Freundschaft, Verständnis für einander und das Gefühl menschlicher Zusammengehörigkeit entstehen sollen."

Im Juli 1992 findet der erste Non-Stopp-Staffellauf von Ettlingen nach Gatschina mit einer Länge von 2400 Kilometern durch insgesamt fünf Länder Deutschland, Polen, Litauen, Lettland und Russland statt. Jeder der Lauftruppe wird dabei ungefähr 100 Kilometer dieses Staffellaufes absolvieren.

Lauftruppe des Non-Stopp-Staffellaufes vor dem Start in Ettlingen, Quelle: Stadtarchiv Ettlingen

Zum Tag der Deutschen Einheit, dem 03. Oktober 1992, findet dann ein Gegenbesuch einer Delegation aus Gatschina statt, der die Freundschaft zwischen den beiden Städten weiter festigt.

Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunde in Gatschina, Quelle: Stadtarchiv Ettlingen

1993

Im Frühjahr des Jahres 1993 findet eines Kunstausstellung im Ettlinger Schloss von russischen Künstlern statt. Hierbei werden rund 150 Bilder ausgestellt und zum Teil auch verkauft. Der Erlös ging dabei in Form von Hilfstransporten für eine weitere Hungerhilfe nach Gatschina.

Im Laufe des Jahres erfolgte auch die offizielle Einladung des Kinderchor Gatschina mit 32 Kindern und Jugendlichen nach Ettlingen. Während ihres Besuchs stellten sie ihr können beim Singen von russischen Volksweisen, Kirchenmusik, englisch und deutschsprachigen Liedern sowie Fragmente aus Kinderopern unter Beweis. Diesem Besuch folgten über viele Jahre noch zahlreiche weitere.

Kinderchor aus Gatschina, Quelle: Stadtarchiv Ettlingen

Im September 1993 sagt Ettlingen Unterstützung des Baus einer „Milchküche“ in Gatschina zu. Es wurden insgesamt 30 000 DM für den Bau zu Verfügung gestellt. Das Ziel des Bauprojektes war dabei, die Nahrungsversorgung der russischen Stadt und insbesondere die Ernährungslage der Kinder zu verbessern.

1996

Zur 200 Jahresfeier der Stadt Gatschina wurde die Milchküche offiziell eröffnet und in Betrieb genommen.

Rohbau der Milchküche in Gatschina, Quelle: Stadtarchiv Ettlingen

Als Immer wiederkehrende Aktionen finden Veranstaltungen von „Polizei Hilft Gatschina“ statt, die auch noch heute durchgeführt werden und auf diese Weise der Partnerstadt in Russland Unterstützung zukommen lassen.

1999

Seit 1990 fand über viele Jahre ein regelmäßiger Kontaktaustausch zwischen Musikern, Sängern und Theatergruppen zwischen Ettlingen und Gatschina statt, die in den jeweiligen Partnerstädten auftraten und auf diese Weise einen kulturellen Austausch begünstigten.

2002

Am 16. Oktober fand die Feier zur 10- Jährigen Partnerschaft zwischen Gatschina udn Ettlingen statt. Als symbolischer Akt dieser wachsenden und gedeihenden Freundschaft wurde ein "Birkenwäldchen" in Ettlingen gepflanzt.

Zusammenkunft zur Feier des 10. Partnerschaftsjubiläums, Quelle: Stadtarchiv Ettlingen

2007

Am 5. September - anlässlich des 15. Partnerschaftsjubiläums - findet schließlich die Einweihung des Gatschina Parks in Ettlingen statt. Die schöne und gepflegte Grünanlage mit ihren Brunnen lädt auch jetzt zum Verweilen und Spazieren ein.

Gatschina Park in Ettlingen, Quelle: Stadtarchiv Ettlingen

2017

Anlässlich des 25. Städtepartnerschaftjubiläum reiste eine Delegation von Ettlingen nach Gatschina, die für den feierlichen Besuch ein vielseitiges Programm vorbereitet hatten. Im Rahmen dieser Jubiläumsfeierlichkeiten wurde auch die Europa-Ehrenukunde durch das Forum Internationale Partnerschaft an die Partnerstädte Gatschina und Ettlingen übergeben, die die Partnerschafts-Aktivitäten sowie den lebenden Austausch der der Ebene der Bürger, der Vereine und der Verwaltung und der Pflege persönlicher Kontakte über die Staatsgrenzen hinaus würdige.